„Sich der neuen Realität stellen“

Dr. Alexander Erdland, Vorstandsvorsitzender der W&W AG, im Interview zur Strategie der W&W-Gruppe.

HERR DR. ERDLAND, DAS JAHR 2012 WAR DAS FÜNFTE JAHR SEIT AUSBRUCH DER INTERNATIONALEN FINANZKRISE BIS HIN ZUR STAATSSCHULDEN- UND WIRTSCHAFTSKRISE IM EURORAUM. HABEN DIE HEIMISCHEN FINANZDIENSTLEISTER UND DEREN KUNDEN DIESE EREIGNISSE SOWIE IHRE FOLGEN ZU GROßEN TEILEN ODER SOGAR SCHON VOLLSTÄNDIG ÜBERWUNDEN?

Wir sind leider noch weit davon entfernt, Entwarnung geben zu können. In Europa gibt es weiter erhebliche Probleme bei den Staatsfinanzen, den Bankenstrukturen und der Wettbewerbsfähigkeit. In der Folge bleiben die Kapitalmärkte auf unabsehbare Zeit fragil. Die Politik und die EZB haben in der Vergangenheit bereits große Anstrengungen unternommen, um die wirtschaftlichen Verwerfungen in der Eurozone einzudämmen. Diesbezüglich stößt die expansive Geldpolitik aber an ihre Grenzen. Von entscheidender Bedeutung ist es daher, in den einzelnen Staaten jetzt die notwendigen Reformen – auch gegen viele Widerstände in den betroffenen Ländern – nachhaltig umzusetzen. Bis dahin müssen wir weiterhin mit einer sehr großzügigen Geldpolitik rechnen. Dieses Szenario hat sowohl für unser Unternehmen als auch für die Verbraucher Licht- und Schattenseiten. Einerseits motiviert das Tiefzinsniveau unsere Kunden zu Investitionen, was insbesondere im Bereich der Baufinanzierung unser Geschäft stimuliert. Andererseits müssen Anleger im aktuellen Tiefzinsumfeld bei gleichzeitig höheren Inflationsraten reale Vermögensverluste erleiden. Das erschwert unser zinsnahes Spar- und Anlagegeschäft, was wiederum einen nicht unerheblichen Druck auf unsere Ertragslage ausübt. Zugleich wird aber auch das Vertrauen der Menschen in den Sinn und Erfolg privater Altersvorsorge gefährdet. Diese Entwicklung muss uns allen unter gesellschaftspolitischen Aspekten große Sorgen bereiten, denn nie waren private Absicherung und Vorsorge wichtiger als heute.

WELCHE FOLGEN DER FINANZKRISE BEEINFLUSSEN DAS GESCHÄFT DES VORSORGE-SPEZIALISTEN NOCH?

Auch die mittelbaren Konsequenzen der Finanzkrise, vor allem im Bereich der Regulierung, drücken unserem Geschäft in einem immer höheren Ausmaß ihren Stempel auf. Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Gesetz- und Regulierungsgeber alles daran setzen, durch strengere Eigenkapitalregeln, höhere Anforderungen an das Risikomanagement und weitreichende Berichtspflichten Verwerfungen an den Märkten für die Zukunft entgegenzuwirken. Allerdings darf dabei das „Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet“ werden. Aus Sicht der W&W-Gruppe ist zu konstatieren, dass wir mit unserem soliden, auf unsere Millionen Kunden in Deutschland ausgerichteten Geschäftsmodell zwar nichts zum Ausbruch oder zur Verschärfung der Finanzkrise beigetragen haben, dennoch aber von den auf den Weg gebrachten schärferen Regulierungsmaßnahmen vollumfänglich betroffen sind. Dies verursacht, über die Anforderungen des mit höherem Eigenkapital zu unterlegenden Geschäfts hinaus, zusätzlich noch einen hohen bürokratischen Aufwand und damit Kosten, die wir nicht einfach an unsere Kunden weiterreichen können.

Kurz gefasst: Das Szenario aus niedrigem Zins, hoher Liquidität und Volatilität an den Kapitalmärkten, verschärfter Regulierung, möglichen Fehlanreizen und mittelfristigen Inflationsgefahren ist kein temporäres Bild, sondern notgedrungen Grundlage unseres Geschäfts und unserer Kundenverantwortung in den kommenden Jahren. Wir sind gut beraten, uns dieser „neuen Realität“ in allen Bereichen unseres Unternehmens zu stellen.

WIE HAT SICH DIE W&W-GRUPPE BISHER IN DER „NEUEN REALITÄT“ BEHAUPTET?

Wir haben den großen Vorteil, dass wir uns bereits vor Jahren auf den Weg gemacht haben, unsere W&W-Gruppe ganzheitlich auszurichten und umfassend zu stärken. Schritt für Schritt sind wir an die Themen Markt, Erträge, Kosten und Risiken herangegangen. Die Stichworte hierzu sind das Restrukturierungsprogramm „W&W 2009“ und das Ausbauprogramm „W&W 2012“. Die zurückgelegten Etappen waren wahrlich nicht leicht und einige auch mit schmerzhaften Einschnitten und Veränderungen verbunden. Aber gerade aus heutiger Sicht können wir feststellen, dass wir uns damit eine solide Basis geschaffen haben. Den Erfolg können wir an guten Marktbewertungen unserer Leistungen und nicht zuletzt an den Zahlen des Jahres 2012 ablesen. Über die gute Kundenbindung und Neugeschäftsentwicklung sowie über den in der Konzerngeschichte höchsten IFRS-Konzernüberschuss von rund 235 Mio € nach Steuern können wir uns berechtigt freuen. Angesichts des für uns schwierigen Marktumfeldes ist das eine besondere Leistung. Zu verdanken haben wir diesen Erfolg in hohem Maß den strategischen Maßnahmen aus dem Programm „W&W 2012“. Vor allem jedoch wäre diese Leistung ohne unsere engagierten und leistungsstarken Vertriebspartner sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter undenkbar gewesen. Für den hohen persönlichen Einsatz der Kolleginnen und Kollegen für das Wohl unserer Kunden und des Konzerns als „Der Vorsorge-Spezialist“ möchte ich im Namen des Gesamtvorstands an dieser Stelle sehr herzlich danken.

ABER WAREN DIE ZIELE URSPRÜNGLICH NICHT SOGAR NOCH HÖHER GESTECKT?

Lassen Sie mich diese Frage ein wenig salopp beantworten: Wenn wir ab Mitte des Jahres 2012 bezüglich weiterer strategischer Themen die Hände in den Schoß gelegt hätten, wären wir wohl bei unserem ursprünglichen Ergebnisziel von 250 Mio € ausgelaufen. Aber das wäre – Stichwort „neue Realität“ – kein verantwortungsvolles Handeln im Sinne unserer Kunden sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewesen. Stattdessen haben wir uns richtigerweise gefragt, was wir angesichts weiterer Umfeldveränderungen zusätzlich strategisch zu tun haben, um den Erfolg unserer Gruppe für die Zukunft zu sichern. So entstand das Stärkungsprogramm „W&W 2015“. Hiermit wollen wir den Wandel bei den Bedürfnissen der Kunden zukunftsorientiert berücksichtigen, unseren Kapitaleinsatz weiter optimieren, neue Ansätze zur Erzielung entsprechender Anlage- und Produkterträge verfolgen sowie unsere Kosteneinsparungen fortsetzen. Die Maßnahmen reichen von neuen Marktstrategien, Produktansätzen und Serviceverbesserungen bis hin zu Umstellungen bei Geschäfts- und Betriebsmodellen und bei der Informationstechnologie. Mit ersten Umsetzungsschritten sind wir gestartet. So sind im Zuge des Programms „W&W 2015“ bereits im vergangenen Jahr außerplanmäßige Einflüsse auf die Gewinn- und Verlustrechnung entstanden. Dies ist auch der Grund, warum wir unser ursprüngliches Ertragsziel saldiert knapp verfehlt haben.

KÖNNEN SIE BEREITS WESENTLICHE WIRTSCHAFTLICHE AUSWIRKUNGEN VON „W&W 2015“ SKIZZIEREN?

Natürlich haben wir intern noch nicht das ganze Drehbuch zu „W&W 2015“ geschrieben und sind mit ersten Umsetzungsschritten insgesamt noch in einem recht frühen Stadium. Dieses Programm, so viel ist nach mehrmonatiger Programmarbeit aber deutlich geworden, ist ebenso notwendig wie ambitioniert. So wollen wir in den kommenden drei Jahren weitere bedeutende Investitionen tätigen, vor allem in die Bereiche IT, Prozesse, Vertrieb und Produkte. „W&W 2015“ ist also alles andere als ein reines Sparprogramm. Die Investitionen werden, ebenso wie die vorhersehbaren niedrigeren Zinserträge sowie anstehende Restrukturierungskosten, nach heutiger Kenntnis temporär zu geringeren IFRS-Ergebnissen nach Steuern führen. Wir rechnen mit rund 125 Mio € im Jahr 2013 und rund 180 Mio € im Jahr 2014. Dies geht mit dem Ziel einher, bestimmte Kostenblöcke des Konzerns noch einmal deutlich zu senken. Gegenüber der Mittelfristplanung vor Auflegung von „W&W 2015“ wollen wir das jährliche Kostenniveau vor Steuern um rund 140 Mio € senken, mit voller Wirkung spätestens ab dem Jahr 2016. An dem damit verbundenen Ziel, nachhaltig ein IFRS-Jahresergebnis von 250 Mio € nach Steuern zu erreichen, halten wir im Interesse unserer Wettbewerbskraft und Unabhängigkeit auch in der „neuen Realität“ fest. Dieses Ergebnis soll spätestens 2016 erreicht sein.

WENDEN WIR KURZ DEN BLICK VON INNEN NACH AUßEN. WAS HABEN DIE KUNDEN VOM PROGRAMM „W&W 2015“, INWIEFERN PROFITIERT DER VERTRIEB?

Es ist meine tiefe Überzeugung, dass der langfristige wirtschaftliche Erfolg eines Finanzdienstleisters nur durch die passgenaue und persönlich orientierte Bedürfnisbefriedigung der Kunden bestimmt wird. Dazu zählt einerseits ein kompetenter, serviceorientierter und kundennaher Vertrieb. Darüber verfügen wir mit unseren Außendiensten sowie mit zahlreichen ergänzenden Kundenansprachen und Partnerschaften aus dem Bank- und Versicherungsbereich. Unser Vertriebswegemix mit Zugang zu mehr als 40 Millionen Menschen ist ein echtes Pfund, mit dem wir punkten können. Entscheidend ist andererseits aber auch das Preis-Leistungs-Verhältnis. Hier müssen wir konstatieren, dass wir als W&W in Teilen noch Verbesserungsbedarf haben. Wir müssen uns stets bewusst sein, dass Finanzdienstleistungen eher austauschbare Güter sind. Primäre Markenentscheidungen, wie sie der Kunde etwa beim Kauf eines Pkw oder bei Bekleidung trifft, haben in unserer Branche weniger Gewicht. Das gilt selbst bei starken Traditionsmarken, wie es Wüstenrot und Württembergische für den Bauspar- beziehungsweise Versicherungssektor sind. Es ist deshalb auch eine wesentliche Stoßrichtung von „W&W 2015“, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, mit unserem Produkt- und Serviceangebot spartenübergreifend und auf einem qualitativ hohen Niveau wettbewerbsfähig zu sein. Es geht dabei auch darum, Produkte von zu hohen Kosten zu entlasten, was ein ganz wesentliches Argument für unsere Maßnahmen zu Kostensenkungen ist. Trotz der hohen Loyalität unserer Kunden sind diese nicht ohne Weiteres bereit, uns einen preislichen Aufschlag gegenüber Wettbewerbern einzuräumen – erst recht nicht, weil die verschiedenen Finanzdienstleistungen durch zahlreiche Rankings, Tests und den Verbraucherjournalismus scheinbar transparenter und vergleichbarer werden. Insofern wollen wir, dass insbesondere unsere Kunden von „W&W 2015“ profitieren – und damit automatisch auch unsere Vertriebe, die wir im harten Wettbewerb noch besser positionieren wollen.

WIE SKIZZIEREN SIE INSGESAMT DIE MARKTBEDINGUNGEN FÜR UNSER GESCHÄFT IN DEN KOMMENDEN JAHREN?

Die wichtigste Bestandsaufnahme dazu lautet: Auch für unsere Kunden gilt die „neue Realität“. Noch keine Generation seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland musste befürchten, beim Sparen reale Vermögensverluste einzufahren. Genau dies geschieht aber derzeit. Auch bei der Geldanlage, definiert als Sparen mit längerem Zeithorizont, sind vermeintlich keine großen Sprünge mehr zu machen. Reiner Kapitalerhalt gilt beinahe schon als erstrebenswertes Ziel. Das ist insgesamt eine Zäsur, die viele Verbraucher tief verunsichert. Entsprechend kritisch werden Finanzdienstleister derzeit beobachtet. Fast kein Tag vergeht, an dem in den Medien nicht über Minisparzinsen oder rückläufige Garantiever-zinsungen im Bereich der Lebens- und Rentenversicherungen berichtet wird.

In diesem Umfeld sind wir als Vorsorge-Spezialist in der Beratung und der Produktentwicklung ganz besonders gefordert. Das eröffnet uns gleichzeitig aber auch große Geschäftschancen. Unser Anspruch war schon immer, für die Kunden erster Ansprechpartner in aktuellen Fragen der finanziellen Vorsorge zu sein. Mit den vier geschäftsfeldübergreifenden Bausteinen „Absicherung“, „Vermögensbildung“, „Wohneigentum“ und „Risikoschutz“ bietet die W&W einzigartige Vorsorgeleistungen, die den Kundenbedürfnissen auch und gerade in der „neuen Realität“ entsprechen. Es bleibt dabei: Der Bedarf an finanzieller Absicherung von Leben, Gesundheit, Einkommen und Vermögen wächst. Die Menschen wollen individuell, verlässlich und nachhaltig abgesichert sein. Kunden verlangen heute mehr denn je flexible, sichere und leistungsstarke Lebens-, Renten- und Krankenversicherungen, die ihrem Bedürfnis nach mehr Selbstbestimmung und stabiler Eigenvorsorge entsprechen. Vor allem auch der Wunsch nach einer eigenen Immobilie ist in der Bevölkerung tief verankert und momentan als Sachwert noch weiter zunehmend. Bei Kauf, Neubau, Sanierung oder energetischer Modernisierung ist der Vorsorge-Spezialist der richtige Ansprechpartner. Auf die neuen Präferenzen im Vorsorgemarkt hat sich die W&W mit ihrem nachhaltigen und ganzheitlichen Beratungsansatz strategisch eingestellt.

ALSO LIEGT IN DER KRISE AUCH EINE CHANCE?

Ja, sogar eine große. Vergessen wir nicht, dass wir von mehreren Seiten auch Rückenwind erhalten. Bewährtes Vertrauen in die Berater und in die Leistungsfähigkeit des Unternehmens ist für die Kunden in den vergangenen Jahren noch wichtiger geworden. Gerade in ungewissen Zeiten ist ein stabiler Finanzanbieter mit hoher Glaubwürdigkeit besonders gefragt. Dies alles spricht für die Wüstenrot & Württembergische, übrigens auch als attraktiven Arbeitgeber. Hinzu kommt: Unsere Unternehmensgruppe ist auf Deutschland fokussiert. Im Vergleich zu den meisten europäischen Nachbarn hat Deutschland die vergangenen Jahre gut gemeistert und die Aussichten bleiben weiter gut. Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum im europäischen Vergleich, geringe Arbeitslosigkeit, steigende Einkommen und eine tendenziell optimistische Grundeinstellung geben uns starke Impulse im Kundengeschäft. Das stimmt mich – trotz der beschriebenen Herausforderungen – grundsätzlich positiv für unser weiteres Potenzial als „Der Vorsorge-Spezialist“.