Werte schaffen - Werte sichern

Interview mit dem Vorstandsvorsitzender der W&W AG, Dr. Alexander Erdland, 30. März 2016

Herr Dr. Erdland, die Neuausrichtung der W&W-Gruppe wurde vor genau zehn Jahren gestartet. Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?

Im Ergebnis haben wir gegenüber der gesamten Zeit zuvor unser durchschnittliches Jahresergebnis verzwölffacht und aus eigener Kraft mehr als eine Milliarde Euro an zusätzlichem Eigenkapital aufgebaut. Dies gelang uns durch die strukturelle, personelle und kulturelle Neuaufstellung des Konzerns sowie durch eine permanente Optimierung des Geschäftsmodells.

Gleichzeitig haben wir Gelegenheiten genutzt, um zusätzliche Vertriebswege zu erschließen. Die Bausparkasse Wüstenrot konnte ihr jährliches Neugeschäft knapp verdoppeln und ist damit zur Nr. 2 im deutschen Markt avanciert; die Württembergische Versicherung rangiert mit ihren Beitragseinnahmen auf Platz 10 der Branche.

Außerdem haben wir in die Qualität unserer Beratung investiert. Mehr als 1 500 unserer Außendienstpartner haben bereits ihre Ausbildung zum Vorsorge-Spezialisten (IHK) oder zum zertifizierten Vorsorge-Spezialisten an der Universität Passau erfolgreich abgeschlossen. Zudem eröffnet in wenigen Tagen das 25. W&W Vorsorge-Center. Hierdurch werden wir als Vorsorge-Spezialisten besonders positiv erlebbar – mit der Folge höherer Kundenzufriedenheit und Potenzialausnutzung.

Drei Strategieprogramme haben wir nacheinander umgesetzt: zunächst zur Restrukturierung der Gruppe, dann zur Substanzsicherung bei Ausbruch der Finanzmarktkrise und schließlich zur Stärkung unserer Wertschöpfungskraft. Jetzt nehmen wir uns das nächste Strategieprogramm vor, das auf mehr Potenzialausschöpfung im Bestand unserer sechs Millionen Kunden und im Markt abzielt. Als die Vorsorge-Spezialisten investieren wir in die werthaltige und nachhaltige Nutzung unserer spezifischen Vertriebs- und Wachstumschancen, verbunden mit einem Umbau unserer IT.

Die W&W konnte wiederum ein Rekordergebnis erzielen. Wie ist Ihr Blick auf das vergangene Geschäftsjahr?

Ja, das Geschäftsjahr 2015 kann sich in der Tat sehen lassen. Mit 274 Millionen Euro liegt das Ergebnis nochmals deutlich höher als im Jahr 2014, das uns den bis dato höchsten Jahresüberschuss von 242 Millionen Euro gebracht hat. Dieses Ergebnis ist geprägt von der jahrelangen, harten Programmarbeit: einer konsequenten Wertorientierung und Forcierung der Kosteneffizienz. Als schmerzlich mag dabei empfunden werden, dass in dieser Zeit ein Abbau von ca. 2 500 Arbeitsplätzen notwendig war. Wichtig waren im Übrigen auch die Stärkung unseres Risikomanagements und die Erfolge aus der Versicherungstechnik in Verbindung mit günstigen Schadenverläufen.

Lassen Sie mich hervorheben: Alles Erreichte haben unsere Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Außendienstpartner mit ihrem unermüdlichen Einsatz überhaupt erst möglich gemacht. Im Namen des gesamten Vorstandes danke ich ihnen ganz herzlich. Doch auf dem Erreichten wollen wir uns nicht ausruhen. Vielmehr geht es jetzt darum, diesen Schwung mitzunehmen und sich weiteren Herausforderungen zu stellen. Es geht um die Folgen einer langandauernden Niedrigzinspolitik, um die Umsetzung der fortschreitenden Regulierung, um die Wahrnehmung der Chancen aus der Digitalisierung und vor allem um die Erfüllung veränderter Kundenwünsche. Vor uns liegt ein verstärkter Ausleseprozess im Wettbewerb, den wir mit unseren erarbeiteten Vorteilen und mit unserer Bereitschaft zum weiteren Wandel strategisch nutzen wollen.

Welche Pläne haben Sie für die nächsten Jahre? Wie wollen Sie das Momentum des Rekordjahres 2015 mitnehmen?

Unser Vorteil ist, uns kein anderes Geschäftsmodell suchen zu müssen, um für die Zukunft ausreichend Kunden und Bedarf bedienen zu können. Über sechs Millionen Kunden setzen be reits auf uns, mit einem nachhaltigen Bedarf rund um das Wohnen und den Vermögensaufbau sowie rund um das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit. Wir besitzen bewährtes fachliches Wissen, haben bekannte und seriöse Marken, können inzwischen Substanzstärke vorweisen und verfügen immanent über verlässliche laufende Liquidität. Woran wir bei niedrigen Zinsen und hohen Wachstumsambitionen weiter arbeiten müssen, sind die fortgesetzte Stärkung der Kapitalbasis, die Fortführung der Profitabilität und die Erhöhung der Vertriebskraft.

Den Kurs für die kommenden Jahre haben wir klar vor Augen: Wir werden unser Geschäftsmodell im Kern weiter stärken und wert- und kundenorientiertes Wachstum vorantreiben, forciert über Produkte mit geringer Zins- und Kapitalabhängigkeit. Zielgerichtet erhöhen wir in den nächsten drei Jahren unser Budget für Investitionen mit 650 Millionen Euro deutlich. Wir investieren ambitioniert in die Digitalisierung zur Unterstützung unserer Kundenbeziehungen, für neue Produkte und effiziente Abläufe.

Investitions- und Innovationszyklen werden kürzer. Dem müssen wir Rechnung tragen – durch die Erhöhung unserer Flexibilität und Entscheidungsgeschwindigkeit sowie mehr Dynamik und Innovationsfreudigkeit. Das bedeutet zum Beispiel, kreativen Köpfen in unserem Haus mehr Freiraum zu geben, um neue Ideen schnell in kundenfreundliche Lösungen umzusetzen. Und eines ist dabei ganz klar: Die Kunden sind unser Maßstab.

Das ist ein starker Satz. Was meinen Sie damit genau?

Viele unserer Kunden nutzen verstärkt die digitalen Medien. Sie informieren sich vorab, vergleichen und haben andere Erwartungen hinsichtlich Erreichbarkeit, Schnelligkeit und Transparenz. Sie sind selbstbewusster und aktiver geworden. Daher ist es wichtig, ihre veränderten Anforderungen genauer wahrzunehmen und unsere Kommunikation, unsere Produkte und Services sowie unsere Abläufe entsprechend anzupassen.

Kundennähe bedeutet heute, inwieweit der Kunde mit seinem Dienstleister jederzeit und von jedem Ort aus direkt in Verbindung treten kann, oder umgekehrt. Die Kontaktpunkte müssen miteinander vernetzt sein, im Interesse der wechselseitigen Transparenz. Hierin investieren wir. Die digitale Transformation unserer Gesellschaft ist für uns Antrieb und Gestaltungsfeld zugleich.

Das Thema Digitalisierung beschäftigt im Moment die ganze Branche. Fintechs, Insurtechs und andere Start-ups sind allgegenwärtig. Wie möchte die W&W hier Akzente setzen?

Schon vor einiger Zeit haben wir den strategischen Umbau unserer Bank hin zu einer Digital bank begonnen. Mit ihrem transaktionalen Geschäft ist sie mittlerweile ein Impulsgeber für die Digitalisierung im gesamten Konzern.

Ergänzt wird diese interne Speerspitze der Digitalisierung um unser neu gegründetes Digital Customer Office. Die Aufgabe dieser jungen Konzerneinheit ist es, die digitale Transformation im Sinne der Kunden bei uns voranzutreiben und die erforderlichen Veränderungen in der W&W-Gruppe durchzusetzen.

Um Bestehendes infrage zu stellen oder ganz neue Ideen zu kreieren und auszuprobieren, haben wir im vergangenen Jahr ein eigenes internes Start-up gegründet, die „digitale Werkstatt“. Diese konnte – losgelöst von unseren Konzernstrukturen – der Kreativität freien Lauf lassen. Das Projekt war so erfolgreich, dass es inzwischen als Spin-off in der neuen Gründerszene Berlins als W&W Digital GmbH weitergeführt wird. Dazu haben wir uns die renommierte Start-up-Schmiede etventure ins Boot geholt. Das Ziel ist Aufbau, Betrieb und Beteiligung an neuen digitalen Geschäftsmodellen. Hiervon erwarten wir uns auch kreative Rückkopplungseffekte auf und in den Konzern.

Das klingt nach einem spannenden Aufbruch in eine neue Welt. Wo genau können die Kunden diesen Aufbruch erleben?

Klar, wir wollen unsere neuen Ideen natürlich schnell für unsere Kunden erlebbar machen. Die Württembergische Versicherung hat beispielsweise Easy Claim eingeführt, eine App, um Kfz- Schäden noch kundenorientierter und schneller regulieren zu können. Bei kleineren Blechschä den können Kunden ein Foto des Fahrzeugscheins und des Schadens an die Versicherung senden. Am gleichen Tag geht über diese App auf dem Smartphone ein Vorschlag über einen Erstattungsbetrag ein. Ein anderes Beispiel ist, dass Bankkunden per Video-Legitimation ein Konto ohne Unterschrift eröffnen können. Und über unsere Mobile Banking Apps können unsere Kunden von unterwegs ihre Bankgeschäf te erledigen oder ihren Kontostand checken – ganz einfach, bequem und sicher. Wer will, sogar mit Fingerabdruck.

Zudem hat die W&W Digital GmbH schon zwei neuartige Services entwickelt: Mit dem „Wüstenrot-Wunschmieter“ können Immobilieneigentümer die Vermietung und Verwaltung ihres Objektes online selbst in die Hand nehmen und wertvolle Services von Immobilienexperten bei Bedarf zusätzlich buchen. „Wüstenrot Immowert“ ist eine Online-Plattform für die unabhängige Bewertung von Immobilien auf den Markt. Das Angebot reicht von einem Richtwert des marktüblichen Kaufpreises bis hin zu einem rechtsgültigen Gutachten für das gewünschte Objekt.

Daneben gibt es viele weitere Beispiele: Von unseren Kundenportalen mein.wuestenrot.de oder meine.wuerttembergische.de über den neuen Online-Vorsorge-Check bis hin zum Online-Postfach für unsere Kunden zur Belebung der wechselseitigen Korrespondenz. Anzahl und Qualität von Kundenkontakten sind ausschlaggebend für deren Zufriedenheit. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Möglichkeiten der Digitalisierung mit der persönlichen Kompetenz unserer Außendienstpartner vor Ort zu verbinden, um jedem Kunden jederzeit den Kanal und den Service zu bieten, den er gerade präferiert. Die Digitalisierung ermöglicht damit erweiterte Kundenzufriedenheit – deshalb mehr Absatzpotenzial – und gleichzeitig einen Produktivitätsschub. Beides werden wir realisieren.

Wie wirkt das auf den Shareholder Value?

Im Kern des Shareholder Value steht das Geschäftsmodell der W&W. Dieses adressiert nachhaltige Bedarfspotenziale rund um die Immobilie und das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit. Die Vernetzung von Informationen im Kontext finanzieller Vorsorge ist uns in die Wiege gelegt. Hierzu eröffnet uns die Digitalisierung große, vielleicht noch ungeahnte Entfaltungsspielräume. Zusammengefasst bedeutet dies ein Wertschöpfungspotenzial mit erheblicher Steigerungsphantasie. Daran beteiligt zu sein, kann jedem Aktionär nur Freude bereiten.Natürlich sollen unsere Aktionäre kontinuierlich von dieser steigenden Wertschöpfung profitieren. Daher soll die Dividende für das Geschäftsjahr 2015 von 50 Cent auf 60 Cent je Aktie erhöht werden.

In der letztjährigen Hauptversammlung hatten Sie angekündigt, die Attraktivität derW&W-Aktie erhöhen zu wollen. Ist Ihnen das bereits gelungen?

Im vergangenen Jahr hat sich vieles für unsere Aktie verändert. Der Streubesitz wuchs von acht auf über 20 Prozent. Dadurch hat sich das Handelsvolumen der W&W-Aktie von rund 2,0 Millionen Euro pro Monat Ende 2014 auf etwa 30,3 Millionen Euro pro Monat Ende 2015 erhöht und damit mehr als verfünfzehnfacht. Das Interesse an unserer Aktie ist durch die verbesserte Handelbarkeit erheblich gestiegen. Dies zeigt sich in einer positiven Kursentwicklung. Unsere Aktionäre konnten für das Jahr 2015 inklusive Dividende einen Wertzuwachs von fast 15 Prozent verbuchen.

Im Dezember wurde die W&W-Aktie von der Frankfurter Wertpapierbörse in den Prime Standard zugelassen. Ein großer Vorteil für unsere Aktionäre, die von den erhöhten Transparenzvorschriften profitieren. Durch den Wechsel in den Prime Standard können wir weitere Investorenkreise ansprechen, deren individuelle Anlagerichtlinien ausschließlich Investments in Aktien des höchsten Transparenzniveaus zulassen. Am 3. März 2016 hat die Deutsche Börse mitgeteilt, dass sie uns zum 21. März in den SDAX aufnehmen wird. Die Aufnahme in den SDAX ist in der W&W-Geschichte ein historischer Moment. Damit wird für unsere Aktie ein neues Kapitel aufgeschlagen. Vor diesem Hintergrund werden wir unsere Investor Relations – auch international – weiter ausbauen.

Auch unsere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdienen es, am Wertwachstum des Konzerns zu partizipieren, zu dem sie selbst beigetragen haben. Deshalb haben wir ein Mitarbeiteraktien-Programm aufgelegt, um die Innendienst-Angehörigen der W&W-Gruppe über Kursgewinne und Dividenden stärker am Erfolg der W&W teilhaben zu lassen. Die Außendienstpartner sollen folgen. Hiervon versprechen wir uns eine noch stärkere Identifikation unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit unserer Gruppe. Der dazu erforderliche Aktienrückkauf wurde im Februar dieses Jahres erfolgreich durchgeführt.

Sie haben uns einen interessanten Rückblick auf die vergangenen Jahre und Einblicke in die weitere strategische Ausrichtung der W&W gegeben. Wenn Sie noch einmal zusammenfassen – welches Fazit ziehen Sie also?

Die gestalterischen Möglichkeiten der Gruppe sind noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Dies gilt für die Erschließung von Kundengeschäft und Wachstum ebenso wie für die Produktivität, Effizienz und Innovationskraft. In den Zeiten höherer Ungewissheit und größerer Volatilität bleibt unsere Kombination aus Flexibilität und Stabilität die richtige Maßgabe. So werden wir weiter in unserer pluraler werdenden Gesellschaft Werte schaffen und Werte sichern, im Interesse unserer Kunden, Aktionäre und der Unternehmensgruppe selbst.